Ein kurzer Bericht von Sr. Hatune über die irakischen Flüchtling
31.03.2009
Der Hilferuf der Familie eines ermordeten Mädchens im Irak hat mich gezwungen, meinen Aufenthalt in Indien zu kürzen und nach Syrien zu fliegen. Dort lebte sie seit 4 Jahren. Mitte Februar sind sie in den Irak zurückgekommen. Beim Aufschließen des geschlossenen Hauses wurde das Mädchen erschossen. So wie dieser Familie geht es vielen Christen in der Region. Ich bin deswegen dorthin gereist, um durch meine Stiftung wenigstens ihre Versorgung durch Grundnahrungsmittel sicherzustellen sowie die Miete für diese Familien zu bezahlen.
Frau wurde vor den Augen ihres Mannes mehrfach vergewaltigt
Die irakischen Christen haben auch nach ihrer Flucht in die Nachbarländer keinerlei Sicherheit. Auch in den Nachbarländern werden täglich Männer und Frauen entführt und enorm hohe Summen als Lösegeld gefordert. Summen von 100.000 $ sind dabei keine Seltenheit. Christliche Mädchen und Frauen gelten im Irak und in den Nachbarländern sowieso als „Freiwild“. Sie werden von muslimischen Männern auf offener Straße diskriminiert und sind ständiger verbaler und körperlicher sexueller Belästigung ausgesetzt. Sie trauen sich deswegen nicht aus ihren Wohnungen und werden depressiv. Sie leben in ständiger Angst vor diesen Repressalien und benötigen dringend unsere Hilfe, damit sich an dieser Situation etwas ändert.
Sr. Hatune tröstet ein junges Mädchen, welches als Flüchtling in einem Nachbarland des Irak mehrfach vergewaltigt wurde
Da diese Menschen illegal in den Flüchtlingsländern leben, haben sie keinerlei Rechte. Die Christinnen können nicht zur Polizei gehen und ihre Belästiger oder Vergewaltiger anzeigen. Da sie von den Muslimen als Ketzer und Ungläubige angesehen werden nutzen sie die Rechtlosigkeit der irakischen Frauen aus.
Das „Wohnzimmer“ einer vierköpfigen Flüchtlingsfamilie von irakischen Christen
Die irakischen Flüchtlinge werden in den Nachbarländern nicht willkommen geheißen und von den Behörden schon gar nicht geschützt, sondern wie eine lästige Plage gehandelt, die man schnell wieder los werden will. Sie leben auch dort wie im Irak jederzeit unter Todesangst. Die Christen wähnten sich nach ihrer Flucht in Sicherheit. In der Realität sind sie aber vom Regen in die Traufe gekommen. Ihre Situation hat sich nicht verbessert, sondern sich in vielfacher Hinsicht eher noch verschlechtert. Seit dem Sturz von Saddam Husein 2003 haben diese Menschen ihre gesamten finanziellen Ressourcen verbraucht oder mussten alles auf ihrer Flucht zurücklassen.
Sr. Hatune trifft einen elfjährigen Jungen, der nach einem Bombenattentat im Irak traumatisiert ist, nicht mehr spricht, trinkt oder isst und in einem permanenten Schock zustand gefangen ist
All diese Erfahrungen haben bei mir ein Gefühl der Bitterkeit und Wut ausgelöst. Da ich selbst mit 15 Jahren wegen meines christlichen Glaubens aus der Türkei mit meiner Familie fliehen musste kann ich mich gut in die Lage der vielen verfolgten Mädchen und Frauen hineinversetzen. Dies bildet die Motivation und die Antriebsfeder, diesen Menschen mit meiner Stiftung zu helfen.
Sr. Hatune verteilt Grundnahrungsmittel an irakische Kinder

Sr. Hatune verteilt in Syrien Lebensmittel an irakische Flüchtlinge
Ich höre mir die Geschichten der Menschen live und vor Ort an und stehe ihnen mit denen mir gegebenen Möglichkeiten bei: moralisch, psychologisch, seelsorgerisch, theologisch, humanitär und auch finanziell. Aber trotz allem bin ich auch nur ein einzelner Mensch und kann keine Wunder wirken. Auch wenn ich es wollte – ich kann nicht den Bedarf von allen decken oder unbegrenzt Traumaarbeit leisten.
In ihrer derzeitigen Situation in den Flüchtlingsländern sehen die irakischen Christen keinen Ausweg mehr. Nur ein dauerhafter, stabiler Friede in ihrem Heimatland kann ihnen helfen. Sie müssten im Irak in einer grünen Zone angesiedelt werden, in der ihnen sämtliche Menschenrechte und Religionsfreiheit gewährleistet werden. Da dies in der derzeitigen Lage noch nicht möglich ist, müssten sie aus den Nachbarländern des Iraks in christliche Länder Europas oder Nordamerikas ausreisen dürfen, welche ihnen die nötige Sicherheit geben können. Nach Deutschland durften jetzt schon einige wenige ausreisen, trotz allem sind es immer noch viel zu wenige und der Ausreiseprozess ist viel zu bürokratisch und dauert zu lange. Unsere Mitchristen leben im Nahen Osten in der Hölle und sind auf unsere Hilfe angewiesen, um von dort zu entkommen. Daher arbeite ich eng mit dem Hilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) zusammen, um für diese Menschen meine Stimme zu erheben, denen sonst keine Organisation Aufmerksamkeit schenken würde.
Sr. Hatune und die Mitarbeiter des UNHCR in Syrien
Oftmals können wir die Grundnahrungsmittel nur den unterschwierigsten Umständen an die irakischen Christen verteilen. Häufig können wir die Hilfsgüter nur inoffiziell, direkt von der Ladefläche des LKW an die Flüchtlinge abgeben.
Sr. Hatune verteilt Milchpulver und Erwachsenenwindeln, welche für die irakischen Flüchtlinge unerschwinglich sind (links) und Grundnahrungsmittel (rechts)
Besonders die Kinder freuen sich, wenn Sr. Hatune ihren Familien Pakete mit lange entbehrten Nahrungsmitteln bringt
In Syrien habe ich jetzt ein Institut gegründet, indem die irakischen Christen kostenlos an Computerkursen teilnehmen können, um somit ihrem tristen Alltag entfliehen und ihre berufliche Situation erheblich verbessern zu können.
Sr. Hatune im Kreise ihrer Lehrer und Studenten in ihrem Computer-Institut
Ohne die Hilfe meiner vielen örtlichen Teams wäre all diese Arbeit für die irakischen Flüchtlinge nicht möglich. Alle diese Menschen sind selbst gebürtige Iraker und arbeiten ehrenamtlich sowie überkonfessionell zusammen. Bevor ein Projekt anläuft werden sie von mir genau instruiert, was vor Ort zu tun ist. Somit ist ein Großteil der Arbeit schon getan, wenn ich dann mit dem jeweiligen Team in den Flüchtlingsländern die Christen direkt unterstütze. Insgesamt gibt es allein in Syrien vier Teams und je eines in der Türkei, im Libanon und in Jordanien.
Sr. Hatune mit zwei ihrer Teams in Syrien
Bei meiner letzten Reise in die Region im März 2009 konnte ich schon dank ihrer großzügigen Spenden 1200 christlichen Flüchtlingsfamilien helfen. Dafür bin ich Gott sehr dankbar und hoffe auch weiterhin, dass der Spendenstrom niemals versiegen möge.


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